Klartraum von Lucas Krieg (27)

 

2000

10. Juni 2013

 

 

Es ist Sommer. Ich befinde mich in dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Regungslos lehne ich im Durchgang zwischen Essbereich und Küche an der Wand. Der weiße Esstisch fehlt.

Auf einmal erscheinen meine Mutter und meine Schwester an seiner Stelle. Sie kichern und ärgern mich mit Blicken. Obwohl wir schon seit vielen Jahren aus dem Haus ausgezogen sind, haben die beiden eigenartigerweise ihr heutiges Alter.

 

Ich erkenne, dass ich träume.

„Hey, ich weiß, dass ich träume!“, platzt es aus mir heraus.

Sie halten inne.

Was wird nun geschehen? Werden Sie versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen? – Wäre ja nicht das erste Mal. Oder ist ihnen meine Erkenntnis gleichgültig? Gespannt ruhen meine Augen auf Mutter und Schwester, damit mir keine Regung entgeht.

Die beiden tauschen einen kurzen Blick aus und lassen die Schultern hängen. Sie fühlen sich ertappt und wissen, dass sie mir nun nichts mehr vormachen können. Nun warten die beiden auf meine Reaktion und gucken ausdruckslos.

Ich erinnere mich an mein Vorhaben der letzten Tage, nach dem Sinn eines Traums zu fragen. Erinnert, getan. Mit bedeutender Miene frage ich meine Schwester, was dieser Traum bedeutet.

Aus ihr sprudelt eine wahre Räuberpistole: Ich würde ohne mein Wissen bei einer mir unbekannten Online-Verkaufsbörse betrogen. Meine Schwester mahnt mich zur Vorsicht und spricht Begriffe, die ich nicht verstehe.

Mir erscheint sie nicht als geeigneter Ansprechpartner, deswegen drehe ich mich meiner Mutter zu. Ich nicke ihr zu und ermutige sie mit einem freundlichen Blick, mir den Sinn des Traums zu offenbaren.

„Es ist wegen 2000. Du sollst dich einfach erinnern“, spricht sie behutsam.

Meine Mutter setzt sich in Bewegung und tritt an mir vorbei.

Ich verstehe nicht. Die Worte hallen in meinem Kopf wider. Es dauert einige Augenblicke, dann fällt es mir auf. Der letzte Sommer, den unsere Familie in diesem Haus verbracht hat, war im Jahr 2000. Dass diese Zeit mit dem markanten Datum zusammenfällt, wird mir jetzt zum ersten Mal bewusst.

 

Ich wende den Kopf, folge meiner Mutter und nach wenigen Schritten begreife ich. Mit den Jahren war meine Erinnerung immer blasser geworden, wie an eine alte Schulfreundin aus Kindertagen, der ich seitdem nie mehr begegnet bin. Jetzt, viele Jahre später, steht sie plötzlich vor mir: Hallo, ich bin’s: Küche. Kennst du mich noch?

Es war als wären wir uns nie fremd geworden. Küches Marmorplatte ruht wie immer auf den weißen Küchenschränken, die edel in der Nachmittagssonne schimmern. Sanft streiche ich mit den Fingern darüber und greife an den runden Knauf eines Oberschranks. Zum ersten Mal seit dreizehn Jahren ziehe ich wieder daran. Die Tür schwingt unbeschwert zur Seite.

Im Inneren des Schranks entdecke ich die alten chinesischen Teller wieder. Mir entrutscht ein ungläubiger Ton – längst hatte ich die Teller mit dem meerblauen Muster vergessen. Ich betrachte sie voller Freude und schließe den Schrank wieder, um noch mehr zu entdecken.

Als ich die große Tür des Kühlschranks öffne, schmatzt sie verheißungsvoll und die Lampe im Inneren beginnt zu summen. Milch, Käse, Butter und jedes andere Nahrungsmittel steht an seinem gewohnten Platz.

Ich öffne alle Schränke und Schubladen, alle Stücke finde ich wieder: Die alten Kochtöpfe und Pfannen, die gläsernen Cornflakes-Schüsseln, das sonderbare Besteck mit den Holzgriffen, die Gewürze, das Fach mit den Frühstückstassen und das Müsliregal.

Alles ist wie damals – Küche hat sich nicht verändert.

Ich fühle Heimkehr und leises Glück.

Klartraum?

 

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