Klartraum von Lucas Krieg (26)

 

Strahl der Gedanken

(13. Kapitel aus dem Buch "Amauch")

2. November 2012

 

 

Aus sicherer Höhe beobachte ich einen Mann, der wenige Meter entfernt von mir, auf dem Gipfel eines Berges mit bloßen Händen im Schnee gräbt.

Ist das nicht Reinhold Messner, der da arbeitet? Tatsächlich.

Der weiße Gipfel würde in der unzähligen Menge von Bergspitzen nicht weiter auffallen, wenn er nicht der größte wäre. Ich erkenne ihn sofort. Der Mount Everest, der höchste Berg der Welt. Ich schwebe über ihm.

Ehrfürchtig lasse ich meinen Blick in die Ferne schweifen. So weit ich sehen kann, erstrecken sich Bergketten bis zum Horizont. Das stille Meer aus Fels ist mit Schnee überzogen, der Himmel wolkenlos und in tiefes Blau getaucht. Stünde Messner still, wäre nirgends eine Bewegung auszumachen; wie beim Anblick eines gigantischen Gemäldes.

 

Messners Gesicht ist von Kälte gezeichnet. Sein Kopf mit dem krausen Haar und dem dichten Bart erinnert mich eher an einen gefrorenen Heuballen als an etwas Menschliches. Die grün-orange Bergsteigermontur, die er trägt, ist der einzige Farbfleck in der weiß-grauen Ewigkeit. Geschäftig kratzt der Bergsteiger in der Decke aus Schnee und Eis. Jetzt erkenne ich auch, woran er arbeitet: An einem Denkmal.

In den aufragenden Felskeil auf dem Gipfel hat er das Abbild eines haarigen Kopfes in die Eisdecke modelliert – es ist sein eigener.

Das untere Ende des Kinns verläuft sich in seiner Schlafstätte, die mit strahlend weißer Bettwäsche ausgestattet ist. Auf dem höchsten Gipfel der Welt scheint es selbst für Messner unnötig zu sein, ordentlich das Bett zu machen, denn die zerknautschen Daunenkissen und das verknitterte Laken zeugen eindeutig von der Schlafposition, aus der er sich heute Morgen erhoben hat.

Mit Verwunderung betrachte ich die dünne Steppdecke, die der Extremkletterer achtlos über den Rand des Bettes geschoben hat. Irritiert analysiere ich Messners Kleidung: Definitiv nicht geschaffen für schwere Arbeit auf einem Achttausender. Selbst ein Profi wie Reinhold Messner müsste längst erfroren sein…

„I don’t care, ich bin auf dem höchsten Punkt der Welt“, murmelt er in seinen Bart, als hätte er den selben Gedanken wie ich.

Auf einmal bemerke ich es auch: Er hat recht. Überraschend mild hier oben. Fast wie im Frühling!

Von meinem erhöhten Schwebepunkt aus beäuge ich die Schlafstätte noch näher. Ein gemütliches Plätzchen. An der Seite des Bettes, die am Gipfelrand endet, steht – wie ein überflüssiges Panoramafenster – eine rahmenlose Schutzscheibe errichtet, die den Schlafplatz wohl von Wind und Wetter abschirmen soll.

Messner klettert auf den meterhohen Nasenrücken seines Ebenbilds. Es fehlt noch ein letztes Detail. Mit einer kurzen Handbewegung ritzt er ein kleines Dreieck in die Wange der Skulptur, da wo eine tätowierte Träne gut sitzen würde. Das war der letzte Handgriff. Ein Künstler sollte immer wissen, wann er aufhören muss.

 

Langsam dämmert mir etwas…

Dieses Spektakel ist eine Sensation, etwas noch nie Dagewesenes! Die ganze Welt wartet sehnlich auf die Fertigstellung des Kunstwerks, doch ich bin bereits exklusiver Betrachter. In kürzester Zeit werden sich alle auf das Ereignis stürzen. Schlagzeile: Reinhold Messner, krassester Bildhauer der Erde!

Doch damit noch nicht genug. Mit dem letzten Handgriff des Künstlers, habe ich den wahren Zweck seines Werks kennengelernt. Das Relief ist für den Urheber von geringem gestalterischen Wert. Es dient als Transportmittel und ist nichts weiter als ein ausgeklügeltes Ablenkungsmanöver.

Mein geistiges Auge sieht deutlich, was sich ereignen wird: Alle Fotografen der Welt werden einen Schnappschuss ergattern wollen. Alle Berichterstatter der Erde werden die bildhauerische Arbeit kommentieren. Alle Medien des Planeten werden das vermeintliche Kunstwerk bis an den entlegensten Ort übertragen. Und doch sind sie alle, die unwissenden Sensationsgierigen, nur hinters Licht geführte Verbreiter eines Geheimsymbols von Reinhold Messner – dem kleinen Dreieck. Seinem Privatvirus, versteckt in einem trojanischen Kopf, millionenfach übertragen.

Sobald die Fotos des Monuments die Welt erobert haben werden, wird auch das unscheinbare Symbol überall zu sehen sein. Doch mithilfe des allgegenwärtigen Dreiecks will Messner der Menschheit keinen Dienst tun, sondern sich selbst lediglich fortwährend an etwas Wichtiges erinnern. Nämlich regelmäßig den Reality-Check (eine Bewusstseinsübung zur Erzeugung von Luziden Träumen) auszuführen.

Wer das erfahren wird? Niemand. Die wahre Absicht des Künstlers verbleibt im Verborgenen. Ein Schöpfer aus solchen Sphären verschwendet seine Zeit nicht damit, seine Werke oder gar sich selbst zu erklären. Niemand wird die Bedeutung des unauffälligen Dreiecks enträtseln und den Masterplan erkennen – niemand außer ich.

Das brutale Konzept beeindruckt mich so sehr, dass mich der gebeugte Rücken des zotteligen Eigenbrötlers in seinen Bann zieht. Messner, unaufhaltbar. Seine kritische Einstellung zur Realität wird noch weiter wachsen. Er wird zukünftig noch häufiger im Traum erkennen, dass er träumt. Schon bald wird er der weltbeste Klarträumer sein, alle anderen nur Unwissende, Beeindruckte oder Bewunderer.

Reinhold kann nicht aufhören. Unruhig bohrt er Löcher in die übergroßen Nasenflügel bis sie aussehen, als hätte ein Rudel Schneehasen seinen Bau darin errichtet. Mit tiefgezogenen Brauen mustert der Bergsteiger das Ergebnis: Ungenügend.

Ein Schneebatzen an die Wange. Noch einer. Die Handgriffe werden schneller. Das Gesicht verändert sich weiter und weiter, bis zuletzt jede Ähnlichkeit mit dem seines Schöpfers verschwunden ist.

Messner erhebt sich. Etwas Neues ist entstanden. Ein Gesicht ist es nicht mehr, vielmehr eine Transportvorrichtung. Miteinander vertäute Seilwinden, Stoffschlaufen und Tragetaschen hängen wie ein Geflecht über die Kante des Gipfelplateaus. Der bärtige Konstrukteur unterzieht alle Bauteile einer eingehenden Prüfung.

Abermals ist der erfahrene Bergsteiger der Zeit voraus. Im Falle eines plötzlichen Unwetters würde er mit der installierten Apparatur gefahrlos vom Berg absteigen können. Ich ziehe meinen imaginären Hut. Messner, unaufhaltbar, unbesiegbar.

„Was, wenn dieses Genie dichten könnte?“, durchfährt es mich…

 

Im selben Augenblick wird mir klar, dass ich träume. Und in welch eindrucksvollem Szenario ich mich befinde.

Die Erkenntnis über den Traumzustand lässt mich jetzt viel klarer wahrnehmen. Ich fühle intensiv, dass ich kein Gewicht habe. Ich will feststellen, wie tief ich fallen könnte. Als ich den Blick vom Geschehen auf dem Plateau abwende und geradewegs nach unten richte, stutze ich. Die Felswand am Rande des Gipfels stürzt jäh in die Tiefe ab. Zu dem Gefühl von Schwerelosigkeit schießt ein treibendes Kribbeln. Mein Körper fehlt. Ich bin nichts als pures Bewusstsein.

Das Unglaubliche zu ignorieren, fällt mir umso schwerer. Doch die oberste Priorität hat das Ziel meiner Mission: Einer Traumgestalt einen selbstkreierten Text zu entlocken. Die einzige und zugleich bedeutendste Gestalt weit und breit ist der Hauptakteur dieses Traums. Es muss Messner sein, der mir ein Gedicht übermitteln soll!

Doch das erste Hindernis liegt bereits vor mir. Ohne meinen gewohnten Körper finde ich keine Lösung, mich dem Bergsteiger zu nähern oder mich überhaupt irgendwie bemerkbar zu machen.

Ich entscheide mich für eine andere Kontaktaufnahme und wage einen Versuch mit der alleinigen Kraft meines Geistes. In meinem Blick bündele ich einen Strahl aus Gedanken und richte ihn konzentriert auf Reinholds Hinterkopf. Die Botschaft des Blickstrahls: „Reinhold, dreh’ dich um. Sprich mit mir!“

Nichts geschieht.

Messner ist zu tief versunken in Gedanken um seine Transportkonstruktion.

Ich ändere meine Vorgehensweise. Angestrengt stelle ich mir vor, wie er – ganz ohne mich zu bemerken – sich einfach spontan selbst ein Gedicht vortragen könnte…

Nichts.

Etwas anderes ereignet sich: Die Hände des Bergsteigers beruhigen sich. Feierabend für heute. Bettgehzeit.

Messner stapft wenige Schritte durch den kniehohen Schnee, steigt auf das ungemachte Bett und bleibt mitten auf der Matratze vor der gläsernen Schutzscheibe stehen. Immer noch von mir abgewandt, blickt er versonnen über das Dach der Welt.

Mein gefühltes Herz klopft stärker. Diese Gelegenheit darf nicht ungenutzt verstreichen. Der entscheidende Moment ist gekommen. Messner muss jetzt sprechen!

Keine Chance. Reinhold bleibt unerreichbar. Mein Gedankenstrahl verliert sich in seiner zerzausten Kopfbehaarung. Messner glaubt hier oben der Einzige zu sein, aber hinter seinem Rücken verzweifle ich daran, mit ihm in Kontakt zu treten. Oder bin ich zu unbedeutend, um beachtet zu werden?

Plötzlich lugt hinter Reinholds linker Hüfte ein kleines Gesicht hervor. Es gehört einem Jungen. Er muss sich die ganze Zeit unter der Bergsteigerjacke versteckt gehalten haben oder gerade erst erschienen sein. Wie aus einem buschigen Versteck linsen seine Äuglein unter dem blonden Haarschopf hervor. Sie werfen mir einen scheuen Blick zu. Messners Sohn?

Obwohl ich unsichtbar bin, kann das Kind meine Gegenwart spüren. Ich gebe es auf, Reinholds Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Der Junge könnte des Mannes Stellvertreter sein. Ich richte den Gedankenstrahl auf ihn.

Der Strahl trifft. Voller Schreck klammert sich das Kind an Reinholds Hüfte fest. Ängstlich schüttelt es seinen kleinen Kopf.

Messner verharrt regungslos. Er steht starr auf dem Bett wie eingefroren.

Ungerührt dessen, instruiere ich den kleinen Jungen per Gedankenübertragung, dass er sich umdrehen, durch die Schutzscheibe schauen und mir mitteilen soll, was er fühlt. Endlich: Mit der Kraft meiner Gedanken kann ich den Kopf mitsamt dem Körper des Kindes drehen.

Der kleine Körper kommt nach einer halben Umdrehung an Reinholds Seite zum Stillstand. Durch die Schutzscheibe betrachten nun beide die schneebedeckten Gipfel des Himalaya.

Es geschieht. An mein Ohr erhebt sich ein kindliches Flüstern:

 

„Das Glas:

Es ist so glatt,

es ist so edel.

So kalt wie Bären –

wie Angstsee-Bären.“

 

Das kurze Gedicht des Jungen graviert sich in mein Gedächtnis ein. Ich bin erfüllt von Ehrfurcht. Am liebsten möchte ich noch länger in diesem Augenblick verweilen und das Schauspiel bestaunen, doch ich verbiete es mir. Auf keinen Fall darf ich Gefahr laufen, den Ausstieg aus dem Traum zu verpassen. Um nichts von den Worten des Jungen zu vergessen, muss ich jetzt Abschied nehmen. Mit der Disziplin eines Soldaten erteile ich mir den Befehl, aufzuwachen.

Ich komme sofort in meinem Bett zu mir. Es folgt die übliche Prozedur: Nachttischlampe anknipsen, in den Notizzettelhalter greifen, Bleistift herausholen und den obersten Zettel vom Stapel nehmen.

Ärgerlich, das quadratische Stück Papier ist bereits beschrieben – auf ihm ist ein früherer Traum dokumentiert. Merkwürdig. Den Zettel muss ich vor Kurzem versehentlich in die Schachtel zurückgelegt haben. Erneut greife ich hinein, in der Hoffnung einen unbenutzten Notizzettel vorzufinden.

Urplötzlich herrscht heilloses Durcheinander in der Box. Alle vorhandenen Papierzettel sind verknittert und beidseitig aus mehreren Richtungen bekritzelt. Fassungslos arbeite ich mich durch den Blätterstapel. Nirgendwo scheint Platz für fünf Zeilen Text, die immer noch ihre instabile Position in meinem Kurzzeitgedächtnis gegen das drohende Vergessen verteidigen müssen. Fieberhaft suche ich weiter im wachsenden Chaos. Der nächste Notizzettel besitzt ein Display. Darauf startet ein Sexfilm, unterlegt mit schräger Country-Music.

Schlagartig trifft mich die Erkenntnis: Falsches Erwachen! Wertvolle Zeit verloren! Schlimmstenfalls Teile des Gedichts. Sofort raus hier!

Unmittelbar starte ich einen zweiten Versuch, mich selbst aufzuwecken.

Ich komme in meinem Bett zu mir und erschrecke, als ich das warme Nass zwischen meinen Beinen spüre. Geschockt fahren meine Hände unter der Bettdecke zu den durchnässten Boxershorts. Das darf doch jetzt nicht wahr sein!

Ich vermute, dass dies ein Zeichen für ein zweites falsches Erwachen sein muss. Aber ich nehme mir keine Zeit einen ordentlichen Reality-Check durchzuführen und letztendlich Gewissheit zu erlangen. Ohne zu zögern, starte ich abermals einen Versuch, mich aus dem Schlaf zu reißen.

Mit Armen und Beinen zappelnd, schärfe ich mir ein, endlich wachzuwerden.

 

Wieder komme ich in meinem Bett zu mir, doch diesmal träume ich nicht mehr. Es ist der 2. November 2012, 6.23 Uhr.

Sofort beginne ich die Aufzeichnungen.

 

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